The  human history’s vicious circle 
 
What lessons can be learned from the iterative cycle of emergence, rise, zenith, decay, and downfall of advanced cultures in the history of humankind, that is only revealed in retrospect? What level of confidence can be derived from the answer, and what level of fear? In his work “The architecture of human history’s vicious circle” (Die Architektur des Menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises), Steffen Gehrdau pursues these fundamental questions. 
 
He sets simultaneous references to different advanced cultures and thus rejects their historical order. He chooses the global perspective. The broad view that turns individual chronologies into an almost impenetrable juxtaposition, an interplay of mutual references, one single enormous causal connection. 
 
Gehrdau utilises an overarching order. By identifying and processing recurring basic civilizational elements, he inevitably creates his very own fictitious advanced culture. A garish and slimy distorted reflection of worlds gone by and worlds to come. Mythology, architecture, ritual. Nourishment, healing, sexuality. Labour, language, writing. Potency and function of these central elements are found, dissected, removed from their context, remixed in the interplay of diverse artistic media. 
 
Steffen Gehrdau focuses on the significance of rituals. Inspired by Byung-Chul Han, he explores the question of what remains when a high culture's rituals and associated processes of embodiment lose their function in the process of decay. 
 
“Architecture” permeates his work in a multi-layered and conceptually broad manner. It represents both the apparent starting point of ritual communities in the form of temples, churches, and altar rooms as well as the structural connection, the supporting framework of “the whole”. 
 
In his installations, Gehrdau contrasts - and connects - traditional items of cultural relevance with those that are apparently significant today, in an almost oppressive way. The question of drive and purpose of human existence hangs heavy in the artificially created ritual space. The architecture of human history’s vicious circle appears almost incidental here, carved out of light wood. For the observer, it harbours the sudden feeling of “too much”. In addition to the spatial dimension, “the old” is overlaid in colour and material. Altars, candles, incense sticks, tightly framed, enclosed, suffocated by a painful overabundance of colours. Here, again, connection by demarcation: Gehrdau arranges fast food, sex toys, insects and mice preserved in liquid soap in an orderly idyll. A well-stocked marmalade shelf that, on closer inspection, turns out to be a macabre display of alternative idols or false gods. Nothing and everything could be eternal. 
 
Gehrdau preserves the world. Blood in concrete, hygiene in plaster. He preserves the essential, the supposedly inane. To distinguish one from the other is, it seems, always just a matter of the cultural perspective taken. Fast food preserved in liquid soap as a remnant of advanced civilisations long gone or on the wane. 
 
He creates something new that fails to fulfil its actual function. His own gods, rituals, places of worship. An overdriven multiverse that loses all chronology, in which the parallel existence of decay and rise is omnipresent. The preservation of nothingness, holding on to the last known familiarity. ‘We are dancing on the remains,’ says Gehrdau. 

Lena Schlüter



Der Menschheitsgeschichtliche Teufelskreis

Was ist zu lernen aus dem iterativen Zyklus aus Entstehung, Aufstieg, Zenit, Verfall und Untergang menschheitsgeschichtlicher Hochkulturen, der sich erst in der Rückschau offenbart? Welche Zuversicht erlaubt die Antwort, und welche Furcht? In seinem Werk „Die Architektur des Menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises“ geht Steffen Gehrdau den Urfragen nach. 

Er setzt simultan Bezüge zu unterschiedlichen Hochkulturen und verwirft so deren zeitgeschichtliche Anordnung. Er wählt die globale Perspektive. Den weiten Blick, der einzelne Chronologien zu einem schier undurchdringlichen Nebeneinander, einem Durch-Einander aus gegenseitigen Bezügen, einem einzigen gewaltigen Kausalzusammenhang macht. 

Dabei bedient er sich einer übergreifenden Ordnung. Durch die Identifizierung und Bearbeitung wiederkehrender hochkultureller Grundelemente schafft er unausweichlich auch seine eigene fiktive Hochkultur. Ein grell und glitschig verzerrtes Spiegelbild vergangener und kommender Welten. Mythologie, Architektur, Ritual. Nahrung, Heilung, Sexualität. Arbeit, Sprache, Schrift. Potenz und Funktion dieser zentralen Elemente werden im Zusammenspiel unterschiedlichster künstlerischer Medien erspürt, zerlegt, ihrem Kontext enthoben, neu vermischt.

Steffen Gehrdau hebt die Bedeutung von Ritualen in den Fokus. Inspiriert durch Byung-Chul Han geht er der Frage nach, was bleibt, wenn im Verfall einer Hochkultur die ihr eigenen Rituale und damit verbundenen Verkörperungsprozesse ihre Funktion verlieren.

Die „Architektur“ durchdringt das Werk vielschichtig und in begrifflicher Breite. Sie stellt sowohl den augenscheinlichen Ausgangspunkt ritueller Gemeinschaften in Form von Tempeln, Kirchen und Altarräumen als auch die strukturelle Verbindung, das tragende Gerüst „des Ganzen“ dar.

In seinen Installationen setzt Gehrdau auf fast bedrängende Weise traditionelle Kulturträger mit dem heute scheinbar Bedeutsamen in Kontrast - und Verbindung. Die Frage nach Antrieb und Sinn menschlicher Existenz hängt schwer im künstlich geschaffenen Ritualraum. Die Architektur des Menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises erscheint hier noch fast nebensächlich aus leichtem Holz herbeigezimmert. Für den Betrachter birgt sie ein Gefühl des unmittelbaren „zu viel“. Die Überlagerung des „Alten“ erfolgt neben der räumlichen Dimension auf der farblichen und materiellen Ebene. Altäre, Kerzen, Räucherstäbchen, dicht umrahmt, umschlossen, erstickt von schmerzhaft buntem Überfluss. Auch hier, die Verbindung in der Abgrenzung: In Flüssigseife konserviert arrangiert Gehrdau Fastfood, Sextoys, Insekten und Mäuse in geordneter Idylle. Ein gutsortiertes Marmeladenregal, dass sich bei näherem Hinsehen als makabre Schau alternativer Götzen entpuppt. Nichts und alles könnte ewig sein.

Gehrdau konserviert die Welt. Blut in Beton, Hygiene in Gips. Er konserviert das Essenzielle, das vermeintlich Nichtige. Das eine vom anderen zu unterscheiden ist, so scheint es, immer nur eine Frage des kulturellen Blickwinkels. In Flüssigseife eingelegtes Fastfood als Überbleibsel längst vergangener oder im Schwinden begriffener Hochkulturen. 

Er erschafft etwas neues, das die eigentliche Funktion verfehlt. Seine eigenen Götter, Rituale, seine Stätten der Verehrung. Eine Art übersteuertes Multiversum, dem jede Chronologie abhandenkommt, in dem das Nebeneinander von Verfall und Aufstieg allgegenwärtig ist. Die Konservierung von Nichtigkeiten, das Festhalten des letzten Bekannten. „Wir tanzen auf den Resten“ sagt Gehrdau.

Lena Schlüter 


Die Architektur des Menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises 

 

 

Was haben Sex, Fastfood und alle Götter dieser Welt gemeinsam? 

 

Was hier nach dem Anfang von einem schlechten Witz klingt, ist in Wahrheit das Ende des Werkzyklus’ “Die Architektur des menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises” des Künstlers Steffen Gehrdau. 

„Ein Kreis hat aber gar kein Ende”, werden die Schlaumeier unter euch jetzt sagen. Na gut, vielleicht habt ihr Recht. Vielleicht ist es auch der Anfang oder die Mitte oder everything, everywhere all at once. 

 

Tatsächlich fühlt man sich, wenn man Steffen Gehrdaus Arbeit „Die Architektur des menschheitsgeschichtlichen Teufelskreises”, kurz DADMGTK, betritt, als wäre man geradewegs in ein Multiversum gestolpert. Ein Mulitversum, bei dem man sich nicht sicher ist, ob es einer  heiligen Tempelanlage oder doch eher einer großen Müllhalde ähnelt. Aber who cares, im Multiversum sind schließlich alle Dinge friedlich koexistent, oder nicht? 

Berge aus alten Fastfood-Verpackungen türmen sich auf zu imposanten Altären. In hohen Regalen stehen, wie skurrile Götzen aufgereiht, Einmachgläser mit in Seife konservierten Sextoys, Burger und Pommes. Jeder Zentimeter an den Wänden ist gepflastert mit riesigen Gemälden, die so wirken, als wäre sie die ebengleiche Massenware, wie die Tiefkühlpizza und der Satisfyer Pro. 

Alles scheint tausendfach zu existieren und sich zu wiederholen. DADMGTK ist ein iteratives Labyrinth, in dem archaische Grundbedürfnisse des menschlichen Seins und perverse Dekadenz jeglichen Widerspruch auflösen und zu ein und derselben Sache werden. 

 

Okay. So weit, so mindblowing. Jetzt aber mal Budda bei die Kunst. 

Was sich hinter der Arbeit DADMGTK verbirgt, ist Steffen Gehrdaus Idee, sich seine eigene, fiktive Hochkultur zu bauen. Auf Basis seines gründlichen Studiums aller uns bekannten und benannten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte (von der chinesischen, über die abendländische Kultur bis hin zur Kultur des Internets [wenn ihr euch unter der letztgenannten nichts vorstellen könnt, googlet sie doch mal, lul]) hat Steffen Gehrdau einen DIY-Baukasten entwickelt. 

 

 „Wie bastel ich mir meine eigene Hochkultur? – Ein Starterpaket für Einsteiger*innen.” 

 

Denn so verschieden die unterschiedlichen Hochkulturen auf den ersten Blick auch anmuten mögen, bedienen sie doch alle immer wieder dieselben Muster. 

Es spielt keine Rolle, ob unsere Götter Zeus oder Kapitalismus und unsere Dämonen Succubus oder Pornografie heißen. Wichtig ist ihre Funktion: Dem Leben einen Sinn zu geben und die Angst vor Kontrollverlust in den Griff zu bekommen. 

 

Die Historie unserer Hochkulturen läuft chronologisch. Sie beschreiben den immer gleichen Zyklus: Entstehung, Aufstieg, Zenit,Verfall, Untergang. 

Steffen Gehrdaus fiktive und künstliche Hochkultur kennt keine Chronologie. Aufstieg und Verfall existieren immer zeitgleich, halten sich die Waage, und werden so zu einem perfekten Abbild jeder Hochkultur, die je existiert hat und existieren wird. Ein Multiversum eben.

Johanna Bank